Immer wieder bekommen wir Anfragen von ehemaligen oder noch tätigen MitarbeiterINNen von Callcentern, die uns um Rat fragen, was sie unternehmen können, um aus dem Job herauszukommen bzw. um ihren betrügerisch arbeitenden Chefs das Handwerk zu legen.
Das ist durchaus möglich, und daher haben wir hier einige vielleicht für Dich wichtige Punkte zur Beachtung aufgeschrieben.
Die Arbeitsagenturen drohen gern mit Sperre, wenn man einen Job im Callcenter kündigt.
Das ist aber in den allermeisten Fällen nicht rechtens. Du darfst nicht dazu gezwungen werden, einen Job auszuüben, der illegal ist. Der Job in einem "Outbound"-Callcenter ist aber so gut wie immer schon allein deswegen illegal, weil die Betreiber keine Einwilligung der angerufenen Personen für Telefonwerbung haben. Das ist "wettbewerbswidrig", sagen die Juristen. Dazu kommen oft noch gewichtigere Gründe: z.B. bei den oft verkauften "Gewinnspieleintragungssystemen". Dort muss man so gut wie immer von einem banden- und gewerbsmäßigen Betrug ausgehen, strafrechtlich relevant gemäß § 263 StGB. Die "Gewinnspiele", die Du da verkaufst, gibt es allesamt gar nicht, das sind erfundene Phantomfirmen wie "Deutscher Supertipp", "Premiumchance" und wie sie noch alle heißen mögen. Das sind Luftnummern, nichts anderes. Die von Dir angerufenen Personen bekommen überhaupt nichts für ihr Geld, und besonders alte Menschen werden systematisch gleich von mehreren dieser "Firmen" über den Tisch gezogen, solange, bis sie ihre Mieten nicht mehr zahlen und kein Essen mehr kaufen können. Es kann Dich niemand auf der Welt zwingen, so eine Schweinerei mitzumachen. Wenn die Arbeitsagentur trotz Deines Hinweises auf die illegale Tätigkeit Zicken macht, dann empfehlen wir Dir, einen Rechtsanwalt für Sozialrecht aufzusuchen. Zu finden bei Google oder über die Rechtsanwaltskammer. Wenn Du kein Geld für den Anwalt hast, dann steht Dir ein Beratungsschein zu, den Du Dir vom nächsten Amtsgericht unter Vorlage von Nachweisen über Deine Einkommenssituation holen kannst.
Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, dass Dich der Callcenter-Betreiber feuert. Das wird sehr bald dann passieren, wenn Du keine Abschlüsse mehr machst. Wahrscheinlich bist Du dann nach ein oder zwei Wochen schon draußen, und das ist das beste, was Dir passieren kann, weil Du dann keinen Ärger wegen einer Sperre kriegst. Die verbleibende Zeit im Callcenter kannst du zum Sammeln von Beweisen nutzen - mehr dazu weiter unten.
Wenn Du nach Deiner Strafanzeige von Deinem ehemaligen Arbeitgeber bedroht oder mit wüsten Anwaltsbriefen belästigt wirst: melde dies gleich brühwarm dem Staatsanwalt, der Deine Anzeige bearbeitet.
Dein Callcenter-Arbeitgeber hat Dich im Vertrag eine Klausel unterschreiben lassen, in der er Dir eine schwere Vertragsstrafe für den Fall androht, dass Du interne Erkenntnisse aus Deiner Tätigkeit im Callcenter nach außen trägst, z.B. veröffentlichst.
Keine Sorge: derartige Klauseln sind null und nichtig. Der Arbeitgeber kann Dich rechtlich nicht belangen, wenn Du über illegale Dinge im Callcenter berichtest - denn die Berichterstattung liegt im Interesse der Öffentlichkeit. Einen Schutzanspruch auf Vertuschung seiner illegalen Geschäftsaktivitäten hat Dein Arbeitgeber nicht. Sollte der Dir mit bösen Anwaltsbriefen etc. kommen: gehe selbst zum Rechtsanwalt und lasse Dich beraten, und mache nichts in Eigenregie. Dann brauchst Du keine Angst vor den hohlen Drohungen zu haben.
Wenn Du für "Gewinnspieleintragungen" oder andere Betrugssachen telefoniert hast:
Zeige den Betreiber des Callcenters bei der zuständigen Staatsanwaltschaft an. Und zwar wegen banden- und gewerbsmäßigem Betrugs nach § 263 StGB. Zuständig ist die Staatsanwaltschaft am Ort bzw. im Gerichtsbezirk des Callcenters, Du findest das leicht bei Google. Einfach googeln nach "Staatsanwaltschaft + [Name der Stadt]". Es ist meistens besser, sich direkt an die Staatsanwaltschaft und nicht an die Polizei zu wenden. Denn die Polizeidienststellen können oft mit Straftaten aus der Wirtschaftskiminalität nichts anfangen und wimmeln Dich vielleicht einfach nur ab.
Wenn Du keine Erfahrungen mit dem Formulieren von Anzeigen hast: lass das einen Anwalt machen, oder bitte einen Staatsanwalt um einen Gesprächstermin hinsichtlich der Aufnahme einer Anzeige zu einer Straftat aus der Wirtschaftskriminalität.
Informiere auch das zuständige Finanzamt am Ort des Callcenters.
Denn hier kann die Steuerfahndung aktiv werden. Weise die Steuerfahndung darauf hin, dass Du da ein Phantomgewinnspiel verkauft hast, wozu es überhaupt keine eingetragene Firma gibt, und dass hier der Verdacht auf Steuerhinterziehung und Geldwäsche vorliegt. Das ist nämlich bei diesen "Gewinnspieleintragungen" fast immer tatsächlich so. Selbst wenn es wider Erwarten doch nicht so sein sollte: es kann Dir niemand einen Strick daraus drehen, denn einen Verdacht darfst Du jederzeit äußern. Die Steuerfahndung hat dann ihre eigenen Mittel und Wege der Ermittlung, sie kann auch ohne richterliche Genehmigung bereits beim vorliegenden Verdacht auf Straftaten Einsicht in die Konten nehmen, und sie wird feststellen, von wem der Betreiber des Callcenters seine Provisionen für den Verkauf eines Phantomgewinnspiels namens "Superkeks49" erhält. Dabei öffnen sich dann für die Ermittler oft erstaunlich schnell weitere Türen für weitere Hausbesuche, bei denen es dann hoffentlich für die Hintermänner der Betrugsmaschen äußerst unangenehm wird.
Dazu kannst Du ein gutes Stück beitragen.
Sammle Beweise und kontaktiere mögliche Zeugen.
Wenn Du noch im Callcenter bist: sichere alles an Papierbeweisstücken, woran Du problemlos und ohne irgendetwas aufzubrechen herankommst. Insbesondere sind hier die sogenannten "Gesprächsleitfäden" ganz wichtig. In allen Ermittlungen gegen Callcenter spielen diese Gesprächsleitfäden eine ganz große Rolle, denn in diesen Leitfäden wird fein säuberlich, schwarz auf weiß gedruckt, eine regelrechte Anweisung zum Betrug dokumentiert. Nach diesen Leitfäden leckt sich jeder Staatsanwalt die Finger. Denn auf alles, was schwarz auf weiß gedruckt steht, fahren die Juristen besonders ab, weil es dann beim besten Willen vor Gericht nicht mehr bestritten werden kann. Mit den üblichen dummen Ausreden: "davon wusste ich nichts... die haben das ohne mein Wissen am Telefon so gesagt... das habe ich nie so angeordnet..." u.s.w. kommt der Angeklagte dann nicht durch.
Mit dem Leitfaden ist der Betreiber des Callcenters festgenagelt. Ein Entrinnen gibt es nicht. Also: wenn Du irgendwie kannst, nimm den Leitfaden mit oder mache zumindest mit dem Handy eine Kopie.
Wenn Du konkrete Hinweise darauf hast, dass Kollegen/Kolleginnen ähnlich denken wie Du: kontaktiere sie und weise sie darauf hin, dass es die Möglichkeit gibt, den illegalen Job zu kündigen und Strafanzeige zu erstatten. Sage ihnen auch, dass bei Ermittlungen gegen das Callcenter durchaus einmal sie selbst ebenfalls im Fadenkreuz der Ermittlungen stehen könnten. Die sollen damit rechnen, dass sich der Staatsanwalt die Gesprächsaufzeichnungen anhört und in besonders schlimmen Fällen auch die telefonierenden Mitarbeiter des Callcenters selbst zu einer unangenehmen Befragung einlädt.
Sei aber vorsichtig bei diesen Kontaktierungen, denn leider könnte der Kollege/die Kollegin Dich bei Deinem Chef verpetzen. Lass es bleiben, wenn Du Dir nicht sicher bist.
Fertige Gedächtnisprotokolle an.
Am Abend kannst Du Dich zuhause hinsetzen und alles aufschreiben, woran Du Dich erinnerst.
Merk Dir dabei eins: für den Juristen sind dabei die sogenannten "W-Fragen" ganz entscheidend.
Das heißt: Wer hat wo wann was gegenüber wem gesagt, was steht auf welchem Papier und so weiter.
Ganz schlecht ist eine Zeugenaussage in folgender Art: "Ich meine, mich daran erinnern zu können, dass entweder der Teamleiter oder der Chef (oder war es doch die Kollegin?) an irgendeinem Donnerstag (nee, Freitag) mal gesagt hat, dass ... oder nee, der hat das anders gesagt..."
Mit so einem Geschwurbel kann kein Staatsanwalt etwas anfangen, so eine Aussage ist für ihn vollkommen wertlos, das zersägt der Strafverteidiger Deines Callcenter-Chefs mit Links.
Sondern die Aussage muss so aussehen:
"Gemäß meiner am selben Abend angefertigten Notiz hat am 27.10.2011 Herr XXX gegenüber mir um 12:30 nach der Mittagspause folgendes geäußert: .... ... ...."
Das sind konkrete Angaben, die ein Staatsanwalt braucht.
Noch etwas: äußere nichts gegenüber Deinem Chef, so dass der nicht vorgewarnt ist und es ihn aus heiterem Himmel trifft.
Beispiele für staatsanwaltliche Ermittlungen gegen Gewinnspiel-Callcenter
Hier ein paar Links als Beispiele für das, was in Kürze auch Deinem Chef bald blühen könnte.
http://www.kanzlei-richter.com/verbraucherschutz-abzocke/sta-und-kripo-wuerzburg-internationale-aktion-fuehrt-zu-verhaftungen-gegen-scheinverbraucherschuetzer.html
http://www.kanzlei-richter.com/verbr...schuetzer.html
Verhaftung von Scheinverbraucherschützern in Würzburg
http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/nachrichten-newsticker_artikel,-Call-Center-Durchsuchungen-Server-beschlagnahmt-_arid,153028.html
http://www.tagblatt.de/Home/nachrich...id,153028.html
Betroffen: Krefeld, Speyer, Rottenburg
http://www.abzocknews.de/2010/01/25/callcenter-der-gewinnspielmafia-wegen-betrug-durchsucht/
http://www.abzocknews.de/2010/01/25/...ug-durchsucht/
Betroffen: Paderborn
Zum Prozess um die Paderborner und den Schweizer:
http://www.nw-news.de/owl/4940354_Paderborner_Ehepaar_soll_18_Millionen_Euro_ergaunert_haben.html
http://www.nw-news.de/owl/4940354_Pa...ert_haben.html
http://www.antispam-ev.de/forum/show...el-Callcentern
Betroffen: Essen/Aachen/München/Mülheim/Duisburg
http://www.morgenpost.de/berlin-aktu...erurteilt.html
Betroffen: Berlin
http://www.nicht-abzocken.eu/forum/i...der-proinkasso
Inkassobüros in Neu-Isenburg, Ludwigshafen, Callcenter in Krefeld
Es ist also alles nur eine Frage der Zeit. Dein Chef sollte sich nur nicht zu sicher fühlen.



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